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| Sozialwissenschaftliche Fakultät 'Educarium' in Turku |
Was passiert in Finnland?
Ich lebe nun schon einen Monat hier! Der Sommer neigt sich dem Ende zu und gelbe und orange Birkenblätter fliegen durch die Luft. Ich habe die Bibliothek meiner sozialwissenschaftlichen Fakultät liebgewonnen und verbringe meine Tage entweder zwischen Bücherreihen oder lesend auf dem weißen Sofa im weißen Apartment von Erik. Meinen Liebhaber hat es vor einer Woche in die Luft gewirbelt und er ist in Turku gelandet. Die Angewiesenheit auf wochenlange digitale Kommunikation bringt für das darauffolgende Treffen in der Realität erfrischende Perspektiven! Liebe beginnt da, wo Worte aufhören, pflegt Erik zu sagen.
| Erik, Valerie, Pinguin auf dem Marktplatz |
"He's a lunatic", sagen mir die zwei finnischen Polizisten, die ich am ersten Abend in unserem Apartment, angerufen habe. Nun ja, wie schön.
Glücklicherweise hat unser Vermieter ein schlechtes Gewissen einen wahnsinnigen Nachbarn hinterlassen zu haben, und uns den Fahrradschlüssel für sein rotes Mountainbike gegeben. Also radele ich jetzt mit Erik jeden Morgen durch das Herbstlaub und die strahlende Sonne in der Natur um Turku herum. Ich habe bislang nur den "Finnish Survival Course" und einen für Philosophie. Im Survival Course lernen wir in Finnland zu überleben. Das Wort für 'Guten Morgen' hat alleine vier 'ä's. Hyvää paivää. Mein persönliches Lieblingswort ist "Hyvää syntymääpaivää" - Herzlichen Glückwunsch. Soviele äääää's auf einen Haufen!
Alle DozentInnen werden in Finnland mit dem Vornamen angesprochen. Das mag ich.
Milla ist meine Dozentin für politische Philosophie. Sie ist jung, hat einen Zungenpiercing, Pandabärohrringe und versteht es jeden anzustrahlen. In allem was sie sagt, schwingt ein Augenzwinkern. Wir werden von ihr wie Freunde behandelt, denen sie Aristoteles erklärt, nicht wie StudentInnen, die unter ihr stehen. Ich mag dieses hierarchielose Lernen. Auf gleichberechtigter Ebene zu diskutieren und zu forschen, ist was für mich eine Universität ausmacht. Wenn ich als klitzekleine Mosaiksteinchen für die allgemeine Wahrheit ernstgenommen werde, erfreut micht das. Da muss ich Humboldt zitieren: "Der Gang der Wissenschaft ist offenbar auf einer Universität, wo sie immerfort in einer großen Menge und zwar kräftiger, rüstiger und jugendlicher Köpfe herumgewälzt wird, rascher und lebendiger." (1810b/1964, S. 262). Yeah, Baby, Humboldt!
Außerdem habe ich mich dem universitären Debattierclub angeschlossen. Meine Rede für das 'Verhandeln mit Terroristen in einer Geiselsituation' auf englisch vor 30 Leuten zu verteidigen, ist eine Herausforderung! Als Rampensau freue ich mich natürlich über jede Gelegenheit wild herumgestikulierend politische Parolen abzufeuern. Und ich habe beschlossen, bei meinem Turnier teilzunehmen http://www.turkuopen2013.com/. Leider wird wohl jede politische Rhetorik zu spät kommen, um eine freundlich in blau lächelnde Dame abzulösen. Wer mich fragt: ich bin definitiv nicht für schwarz-grün!

Anton Hofreiter wurde noch in der Wahlnacht als neuer Grünen-Chef gehandelt. Wirst du ab Januar nicht seine rechte Hand sein...?
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