Mittwoch, 4. September 2013

Bürodemokratie




Wenn ich frage, was die Finnen am meisten an ihrem Wohlfahrtstaat nicht leiden können, antworten sie meistens mit: „Bürokratie“. Ich überlege, und befinde, dass die Formulare, die ich ausfüllen musste (und muss), um Auslandsbafög zu bekommen, wahrscheinlich auch Deutschland als bürokratischen Staat klassifizieren. Die großte Gefahr für die Demokratie sei die Bürokratie, sagt Max Weber. Ein ewiges Dilemma: der Staat der am gerechtesten ist, behandelt alle seine BürgerInnen gleich, was bedeutet dass alle Menschen durch die gleichen normierten und technisierten Institutionen müssen. Die Kehrseite sind fehlende Entscheidungsspielräume, wenig Kreativität und mangelnde Flexibilität. Alles Symptome einer Bürodemokratie, wie ich die Verbindung von Bürokratie und Demokratie jetzt nennen werde. Individuelle Schicksale gehen in dieser Schablone der staatlichen Leistungen unter. Wenn z.B. eine Studentin existentiell mehr Geld für ihr Studium braucht, das Einkommen ihrer Eltern aber 5 Euro über der staatlich gesetzten Mindestgrenze liegt. Natürlich gibt es in Finnland wie in Deutschland Verwaltungsangestellte, die ein Auge zudrücken, aber dafür müssen sie damit in einem Gewissenskonflikt gegenüber ihrem Arbeitgeber, dem Staat, treten. Verhindert die Bürokratie, das detaillierte Ausfüllen von Formularen als Beweise für eine saubere Arbeitsweise in den Verwaltungen, Korruption? Ja und Nein. Dass man alles belegen muss, macht die staatliche Verteilung von Geldern sicher transparenter. Auf der anderen Seite ist das Merkmal von korrupten Staaten, die ständige Zahlung von Bestechungsgeldern für ein Verwaltungsdokument. Wie ich von Mirjam weiß, war das „Zettel ausfüllen“ bei mehreren offiziellen Stellen für die simpelsten Dinge während ihres Studiums in Moskau, ein Merkmal bürokratischer Sinnlosigkeit.
In der Bürodemokratie sind fast alle Bereiche verstaatlicht. Die Mehrzahl der Güter und Ressourcen wird nach einem bestimmten Schlüssel verteilt, z.B. die Hilfe der gesetzlichen Krankenkasse. In den USA gibt es kein staatliches Krankenkassensystem, ein Unding. Dafür existieren in den USA definitiv mehr ehrenamtliche Hilfsorganisationen als in Deutschland, „volunteering“ ist viel üblicher, als in Deutschland. Das heißt, in dem Moment wo etwas verstaatlicht wird, werden auch Menschen ihrer Freiheit beraubt zu handeln. Negative Aspekte des Handels von Individuen werden unterdrückt, aber auch positive: aufeinander achtzugeben, zu kooperieren, Solidarität zu zeigen. Vater Staat übernimmt das „gute Handeln“ schon für uns. Deutsche gehen an Bettlern vorbei mit den Worten: „ich gebe dir nichts, ich zahle schon Steuern“, und meinen damit dass das staatliche Sozialsystem Ungleichheiten schon richten wird. Ein Teil des Menschseins, Mitleid zu zeigen und entsprechend zu handeln, wird dadurch eliminiert. Auf der anderen Seite ist es sicherlich zu viel verlangt, auf jedes Mitglied der Gesellschaft achtzugeben, gerade in einer Großstadt. Ich erinnere mich, wie geschockt ich von Berlin vom Anblick der vielen Armen, Kranken, Drogensüchtigen war. Wenn ich jedesmal stehen geblieben wäre, um zu helfen,  hätte ich mein eigenes Leben gar nicht mehr weiter führen können. Hannah sagte damals, dass es Aufgabe der Familien und engen Freunde wäre, zu helfen. Die Menschen sind in der Pflicht, die dem Bedürftigen nahe stehen. Aber es gibt Menschen die sind so einsam, die haben keine Familie oder Freunde mehr. Für diese Menschen brauchen wir wieder den Staat.
In was für einer Gesellschaft will ich also leben? Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der der Staat sich um mich kümmert, wie aber auch die Menschen sich gegenseitig umeinander sorgen, die in diesem Staat leben. Ich möchte ehrenamtliche Arbeit, menschliche Solidarität und staatliche Hilfe. Wie könnte das funktionieren? Ich habe nur eine normativ-ethische Antwort: Vielleicht müssen wir uns eingestehen, dass der Staat niemals alles regeln kann. Und staatliche Regulierung ist vielleicht in manchen Bereichen sogar schädigend. Also müssen, da wo der Staat nicht ist, helfen. Und gleichzeitig alle staatlichen Hilfsangebote nutzen.

Oder war das jetzt zu banal? 

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