Sonntag, 15. September 2013

Freunde

Menschen. Menschen die von überall kommen. Ein gleichbleibender Strom zieht Menschen an mir vorbei. Meistens sind es ErasmusstudentInnen.Es ist toll, soviele neue Menschen kennenzulernen. Es gab Zeiten in meinem Leben, wo ich dieses Gefühl sehr vermisst habe. Und es gibt Zeiten, in denen ich mich einfach nur nach einer stabilen Freundschaft in meiner direkten Umgebung sehne. Nicht jeden Tag wieder und wieder einem neuen Menschen meine Lebensgeschichte erzählen muss. Die letzten Wochen waren gefüllt mit Unternehmungen und Küchenpartys im Student Village. Jeden Tag fange ich auf's neue an mich mit Menschen zu unterhalten, und gerade fällt es mir ein bisschen schwer den "effort" zu machen, jenseits des Fragetrialoges "1.Wie heißt du? 2.Aus welchem Land kommst du? 3.Was studierst du?" noch mehr Gesprächsstoff rauszuholen. Dein Gegenüber ist wie eine black box. Du weißt am Anfang noch nicht, ob ihr harmonieren werdet, oder ob das Gespräch verebbt, die Wörter wie Sand im Wind verwehen.

Einige Freunde aus Deutschland hat es auch verschluckt, wie von einem großen schwarzer Sack, der einmal "mampf!" gemacht hat. Hallo, meldet euch mal, mein Skypename ist: valerie.frosch!

Eine gute Freundin hier in Finnland habe ich schon gefunden, es ist Marie. Marie ist eine unternehmungslustige Französin, und wir verbringen unsere Zeit meistens mit Lachen in der vegetarischen Mensa (hier essen sowieso PolitikstudentInnen). Oder wir sitzen auf einem Felsen.

Birke, Heli, Mathilde, Marie, Valerie auf dem einzigen staatlichen
Felsten 

Finnland hat viele Felsen. Mehr als Deutschland. Überall wo man geht und steht lugt ein steiniger Hügel aus dem Boden. Letzte Woche wollten wir einen Ausflug auf eine kleine Insel machen. Prompt wurden wir vertrieben, da diese Felsen alle "private property" sind. Ich liebe Finnland und ich liebe die Schären. Aber dieser Privatbesitz ist ärgerlich. Jegliches Ufer ist mit Mökis zugebaut, den finnischen Holzferienhäusern. Das heißt: jeder Sonnenuntergang am Meer ist privatisiert.



Helsinki

Helsinki.
Nettes Städtchen.
Unauffällig.
Nur 500 000 Menschen.

Aber was für ein Glück, dass meine Cousine Amelie einen Finnen gefunden hat, mit dem sie ihren Lebensabend in Espoo, der Vorstadt von Helsinki, verbringt. So konnten Birke und Ich sie besuchen und sind durch Helsinkis Viertel gestreift. Das heißt, ich bin eher gekrochen, durch meine Krankheit.

Es gibt in Helsinki eine weiße Kirche. 
Und eine Ausfluginsel im Hafen mit sehr vielen Burgen und Wäldern.

Der traditionelle Markt. Das Rentierfell ist wunderbar zum streicheln. Ich empfehle jedem ein Rentier zu kaufen, statt einem Uhu!
Ein Schiff!!


Birke, der Troll und Amelie in Helsinki 

Donnerstag, 12. September 2013

Silberne Kugeln


Meine Schwester Birke besucht mich hier in Turku!
Wir hatten sehr viel Spaß...

.... mit diesen glänzenden silbernen Kugeln, die wir am Ufer vom Fluss Aura gefunden haben....

mein silbernes Ei! 

... drüber gestolpert.

Unser Ei!

Mittwoch, 4. September 2013

Bürodemokratie




Wenn ich frage, was die Finnen am meisten an ihrem Wohlfahrtstaat nicht leiden können, antworten sie meistens mit: „Bürokratie“. Ich überlege, und befinde, dass die Formulare, die ich ausfüllen musste (und muss), um Auslandsbafög zu bekommen, wahrscheinlich auch Deutschland als bürokratischen Staat klassifizieren. Die großte Gefahr für die Demokratie sei die Bürokratie, sagt Max Weber. Ein ewiges Dilemma: der Staat der am gerechtesten ist, behandelt alle seine BürgerInnen gleich, was bedeutet dass alle Menschen durch die gleichen normierten und technisierten Institutionen müssen. Die Kehrseite sind fehlende Entscheidungsspielräume, wenig Kreativität und mangelnde Flexibilität. Alles Symptome einer Bürodemokratie, wie ich die Verbindung von Bürokratie und Demokratie jetzt nennen werde. Individuelle Schicksale gehen in dieser Schablone der staatlichen Leistungen unter. Wenn z.B. eine Studentin existentiell mehr Geld für ihr Studium braucht, das Einkommen ihrer Eltern aber 5 Euro über der staatlich gesetzten Mindestgrenze liegt. Natürlich gibt es in Finnland wie in Deutschland Verwaltungsangestellte, die ein Auge zudrücken, aber dafür müssen sie damit in einem Gewissenskonflikt gegenüber ihrem Arbeitgeber, dem Staat, treten. Verhindert die Bürokratie, das detaillierte Ausfüllen von Formularen als Beweise für eine saubere Arbeitsweise in den Verwaltungen, Korruption? Ja und Nein. Dass man alles belegen muss, macht die staatliche Verteilung von Geldern sicher transparenter. Auf der anderen Seite ist das Merkmal von korrupten Staaten, die ständige Zahlung von Bestechungsgeldern für ein Verwaltungsdokument. Wie ich von Mirjam weiß, war das „Zettel ausfüllen“ bei mehreren offiziellen Stellen für die simpelsten Dinge während ihres Studiums in Moskau, ein Merkmal bürokratischer Sinnlosigkeit.
In der Bürodemokratie sind fast alle Bereiche verstaatlicht. Die Mehrzahl der Güter und Ressourcen wird nach einem bestimmten Schlüssel verteilt, z.B. die Hilfe der gesetzlichen Krankenkasse. In den USA gibt es kein staatliches Krankenkassensystem, ein Unding. Dafür existieren in den USA definitiv mehr ehrenamtliche Hilfsorganisationen als in Deutschland, „volunteering“ ist viel üblicher, als in Deutschland. Das heißt, in dem Moment wo etwas verstaatlicht wird, werden auch Menschen ihrer Freiheit beraubt zu handeln. Negative Aspekte des Handels von Individuen werden unterdrückt, aber auch positive: aufeinander achtzugeben, zu kooperieren, Solidarität zu zeigen. Vater Staat übernimmt das „gute Handeln“ schon für uns. Deutsche gehen an Bettlern vorbei mit den Worten: „ich gebe dir nichts, ich zahle schon Steuern“, und meinen damit dass das staatliche Sozialsystem Ungleichheiten schon richten wird. Ein Teil des Menschseins, Mitleid zu zeigen und entsprechend zu handeln, wird dadurch eliminiert. Auf der anderen Seite ist es sicherlich zu viel verlangt, auf jedes Mitglied der Gesellschaft achtzugeben, gerade in einer Großstadt. Ich erinnere mich, wie geschockt ich von Berlin vom Anblick der vielen Armen, Kranken, Drogensüchtigen war. Wenn ich jedesmal stehen geblieben wäre, um zu helfen,  hätte ich mein eigenes Leben gar nicht mehr weiter führen können. Hannah sagte damals, dass es Aufgabe der Familien und engen Freunde wäre, zu helfen. Die Menschen sind in der Pflicht, die dem Bedürftigen nahe stehen. Aber es gibt Menschen die sind so einsam, die haben keine Familie oder Freunde mehr. Für diese Menschen brauchen wir wieder den Staat.
In was für einer Gesellschaft will ich also leben? Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der der Staat sich um mich kümmert, wie aber auch die Menschen sich gegenseitig umeinander sorgen, die in diesem Staat leben. Ich möchte ehrenamtliche Arbeit, menschliche Solidarität und staatliche Hilfe. Wie könnte das funktionieren? Ich habe nur eine normativ-ethische Antwort: Vielleicht müssen wir uns eingestehen, dass der Staat niemals alles regeln kann. Und staatliche Regulierung ist vielleicht in manchen Bereichen sogar schädigend. Also müssen, da wo der Staat nicht ist, helfen. Und gleichzeitig alle staatlichen Hilfsangebote nutzen.

Oder war das jetzt zu banal? 

Kommentare erbeten!

Sonntag, 1. September 2013

Schären

Note: Die Kommentarfunktion auf dem Blog ist jetzt für jeden aktiviert (auch für diejenigen die keinen Googleaccount haben!). Ich freue mich immer über ein Kommentar - vergesst dabei aber nicht mir auch ab und zu nette Emails zu schreiben).

Gestern machte ich mich auf, zu den wunderschönen Schären vor meiner Haustür. Als ich an der malerischen Küste ankam, wo die Weizenfelder wogten und die Wolken auf dem blauen Himmel vorbeizogen, machte es Puff! und mein Fahrradreifen war platt.  Mein Fahrrad schob ich drei Stunden lang nach Hause. Von dieser Tortur habe ich trotzdem einige schöne Bilder mitgebracht:

Diese roten Holzhäuschen sind nicht nur für Schweden,
sondern auch für Finnland charakteristisch. Ich möchte sofort einziehen!
Leider lädt mich niemand zum Wohnen ein. Also mache ich wenigstens ein Foto mit mir und em Haus.

Grasende Pferde auf einer Weide auf den Schären vor Turku...aaah! Diese kitschige Heimatszene musste ich sofort fotographieren.

Dieser Fluss ist schon Teil der Ostsee! Fotographiert auf der Brücke nach Kaarina, mit meinem platten Reifen in der Abendsonne.

Dahinter ist das Meer...

I have a dream... of a wide open prairie... 

Hesburger ist eine finnische Burgerkette. Finnland ist eines der wenigen Länder,
 in denen McDonalds es nicht geschafft hat, seine Filialen zu etablieren, aufgrund derlokalen Hesburgerkette.


Samstag, 31. August 2013

Alkohol


"Was ist der Unterschied zwischen einer finnischen Hochzeit und einer finnischen Beerdigung? Auf der Beerdigung ist wenigstens eine Person nicht betrunken." erzählt der Professor einem andächtig lauschenden Hörsaal voller Erasmusstudenten. Es ist meiner zweiter Tag des "Erasmus-Orientierungs-Kurs". Zusammengestopft mit StudentInnen aus über hundert Ländern, mache ich in diesen Tagen die ersten Bekanntschaften mit meinen KommilitonInnen. Jede/r ist bestrebt in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Leute kennenzulernen, man ist schließlich ganz allein nach Finnland gekommen. Ich merke dass mein Hüftschwung interkulturell sehr gut ankommt. Egal welche Sprache, egal welches Land, jedeR fängt an zu lachen an, wenn ich anfange zu tanzen. Viele haben auf mein Yip-Yip-Abschiedsplakat geschrieben, dass sie hoffen, ich höre nicht in Finnland auf zu tanzen, und ich kann nun stolz berichten, dass ich das hier eher intensiviere!

Am Donnerstag findet die Tauffeier für die Erstsemester der Faculty of Social Sciences statt. Wir binden uns an eine Schnur aneinander, und ziehen zu verschiedensten Plätzen auf dem Campus wo Trinkspiele stattfinden. Zuhause in Deutschland, gibt es nichts mehr was ich verachte als sinnlose Saufspiele. Aber ich habe die Moral an der Flugzeugtür abgegeben. Unter Jubelschreiben meiner KommilitonInnen setze ich den finnischen Wodka an meine Lippen. "Thanks good, for having that german chick!" wird mir bescheinigt, nachdem wir es geschafft haben die Likörflasche im Kreis unter 40 Sekunden zu leeren.
Ich rede mir ein, dass ich die finnische Kultur kennen lernen muss. Man warnte uns, dass die Finnen sehr gerne trinken, besonders in den langen Wintermonaten. Dabei ist Alkohol unglaublich teuer, das heißt wenn man schon abhängig ist, verschuldet man sich auch meistens. Es gibt eine hohe Alkhoholsteuer die jedoch bei weitem nicht das deckt, was das staatliche Gesundheitssystem für den Entzug - und Rehabilitationsmaßnahmen für Alkoholabhänge ausgibt, erklärt der Professor.

Am meisten freut mich, dass ich schon mit sehr vielen Finnen geredet habe. Finnische Studenten sind nett, offen, sprechen perfektes Englisch und haben alle blonde Haare. Zusammen fahren wir nach den Trinkspielen auf die Schären. Die Sonne versinkt im Meer, die Eichhörnchen klackern auf den Bäumen, das Lagerfeuer brennt, und 90 Finnen hüpfen in die Sauna und ins Meer, und wir, eine kleine Gruppe von AustauschstudentInnen, sind mit dabei, verwirrt und glücklich.




Mittwoch, 28. August 2013

Orientierung

Was ist das Gute an der NSA-Affäre? Mein Computer denkt. Er denkt wegen dem finnischen W-Lan ich sei eine Finnin. Damit ist alle Werbung auf Webseiten die ich besuche, in finnisch. Somit bin ich von einem Teil des Kapitalismus befreit.

Niemand ist hier um Finnisch zu lernen. Alle Erasmusstudenten die ich an meinem ersten Orientierungstag treffe, sagen, dass sie hier sind um ihr Englisch zu verbessern. Sogar meine Tutorin, Heli, rät mir davon ab ihre Sprache zu lernen. An dieser Universität gibt es für jeden einzelneN AustauschstudentIn eine finnische Ansprechperson, eine Tutorin, die dir dabei hilft, dein Leben hier auf die Reihe zu kriegen. Heli ist heute sogar mit mir und ihren finnischen Freunden auf die Erasmus-Karaoke-Party gegangen. Gemeinsam haben wir "juuuhuuu, aaahhaaa" von dem Lied Clocks von Coldplay in das Mikrofon gejodelt. Music makes the world go round!

Jeden Morgen radele ich also jetzt zur Universität, 6 Kilometer meine Fahrradstrecke. Mein rostiges Fahrrad klappert, meine Haare fliegen, ich summe finnischen Gothic-Pop vor mich hin und strampele zum Zentrum. Es geht mir wunderbar gut dabei. Diese paar Minuten radeln bringen meinen ganzen geplagten Kreislauf in Schwung. So sehr tanzen meine Blutmoleküle herum, dass ich heute erst um 2 Uhr morgens nach Hause kam. Durch die stille, finnische Nacht fahrend. Auf der Straße Hämankatu kommen mir vier finnische Männer entgegen. Alle vier sind nackt. Das überrascht mich so, dass ich mit dem Fahrrad einige veritable Schlangenlinien fahre. Ich habe noch nie nackte Männer auf einer Straße in der Großstadt getroffen. Später wird mir erzählt, dass diese Merkwürdigkeiten nur in der ersten Woche vor Universitätsbeginn stattfinden. Hoffen

Es gibt über 2000 AustauschstudentInnen hier, und  18 000 finnische StudentInnen. Die Menge der AustauschstudentInnen entspricht der Menge an Deutschen, die man hier trifft. Überall höre ich deutsche Wortfetzen, man hat sich schon gefunden, man klüngelt in kleinen Deutschgrüppchen. Wie den Kugeln in einem Computerspiel ausweichend, entferne ich mich von jedem Punkt, an dem ich Deutsch höre. Sie sind so langweilig! Wenn sie mich fragen, sage ich ihnen, dass ich Österreicherin bin.